Donald Trump führt pauschale Zölle von 10 Prozent auf die meisten Importe in die USA ein. Für viele Länder gelten höhere Abgaben, so für die Schweiz 31 Prozent. Aus ökonomischer Sicht nicht nachvollziehbar, kommentiert Economiesuisse in einer ersten Stellungnahme.
Die USA belegen ab Samstag Einfuhren aus allen Ländern pauschal mit Zöllen von 10 Prozent. Ausserdem kündigte die US-Regierung einen komplexen Mechanismus an, der für viele Länder höhere Zölle vorsieht. Dieser wird ab dem 9. April gelten. Im Visier stehen besonders Länder, mit denen die Vereinigten Staaten nach Auffassung der US-Regierung ein besonders grosses Handelsdefizit haben.
Die Rede ist von wechselseitigen Zöllen, von einem Prinzip der Gegenseitigkeit. Trumps Argumentation: Viele Länder erschwerten den Import von US-Produkten, das könne man sich nicht länger bieten lassen, sagte der Präsident.
Washington bezieht sich dabei nicht nur auf Zölle, sondern auch Handelshemmnisse wie Subventionen, strenge Einfuhrvorgaben, Diebstahl geistigen Eigentums und Währungsmanipulation in ihre Kalkulation mit ein. Diese Barrieren seien «weit schlimmer» als die eigentlichen Zölle, heisst es aus dem Weissen Haus.
Für jedes Land wurde ein Prozentsatz ermittelt, der sowohl Zölle als auch diese anderen Handelshemmnisse abbilden soll. Daraus leitet sich der entsprechende Zoll auf Importe aus diesen Ländern ab. Er ist jeweils etwa halb so hoch wie der von den USA ermittelte und schwer überprüfbare Wert. Warum nur die Hälfte? Trumps Begründung: «Wir sind gute Menschen.»
Die Finanzmärkte reagierten aus nachvollziehbaren Gründen negativ auf den Zoll-Entscheid in Washington. In Tokio gab der Nikkei-Index rund 3 Prozent nach. In der Schweiz notierte der Blue-Chip-Index SMI vorbörslich bei rund minus 1,1 Prozent. Auch die Futures auf den US-Aktienmarkt verzeichneten Verluste.
Umgekehrt hat die aggressive US-Zollpolitik den Goldpreis erneut auf einen Rekord getrieben. Zeitweise erreichte der Unzenpreis über 3100 Dollar.
Für die Schweiz kündigte US-Präsident Trump Zölle von 31 Prozent an. Sie seien eine Reaktion auf die Zölle von 61 Prozent, welche die Schweiz auf US-Produkte erhebe. Nachvollziehbare Gründe für die Zölle gibt es laut dem Schweizer Wirtschaftsdachverband Economiesuisse aus ökonomischer Sicht keine. «Die Importzölle der Schweiz liegen insgesamt schon heute deutlich unter jenen der USA», heisst es in der Stellungnahme des Verbands.
Die neuen US-Zölle würden laut Economiesuisse nicht nur die Schweizer Exporte verteuern, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen schwächen und das Investitionsklima belasten.
Wie die Schweiz auf die angekündigten Zölle konkret reagieren wird, ist offen. Der Bundesrat nehme die Entscheide der USA «zur Kenntnis», schrieb Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter in einer ersten Reaktion auf X. Der Bundesrat werde rasch das weitere Vorgehen festlegen.
Die Länder der Europäischen Union werden mit einem Zoll von 20 Prozent. Deutschland als drittgrösste Volkswirtschaft der Welt ist in der Zoll-Liste des Weissen Hauses nicht einzeln aufgeführt, sondern fällt unter die Bestimmungen für die EU. Trump kritisiert die EU nicht nur für höhere Zölle, er moniert auch die in Europa erhobene Mehrwertsteuer als bedeutende Handelsbarriere für US-Produkte. Das Argument ist allerdings fragwürdig, denn die Mehrwertsteuer wird für Produkte aus der EU gleichermassen fällig.
Die Amerikaner haben errechnet, dass die EU Zölle in Höhe von 39 Prozent auf US-Importe verhänge - dabei sollen alle Handelshemmnisse berücksichtigt sein. Wie genau die US-Regierung diesen Wert ermittelt hat, ist unklar. Die EU selbst gibt an, dass es aus technischen Gründen schwer sei, einen absoluten Wert zu ermitteln, da sich ein Durchschnitt auf sehr unterschiedliche Weise berechnen lasse. «Legt man jedoch den tatsächlichen Warenhandel zwischen der EU und den USA zugrunde, so liegt der durchschnittliche Zollsatz in der Praxis auf beiden Seiten bei etwa einem Prozent», betont die EU-Kommission.
Die Zollunterschiede mit der EU sehen Fachleute in den meisten Bereichen als eher klein an. Die grosse Ausnahme ist der Agrarsektor, wo die EU-Zölle teils deutlich höher sind als in den USA, insbesondere auf Milchprodukte, Fleisch, Zucker und Geflügel. Auch Textilien und Bekleidung aus den USA unterliegen in Europa meist etwas höheren Zöllen als umgekehrt - der Unterschied ist aber teils geringfügig. Andersherum sind Zölle auf Kunststoffe, Chemikalien, Kunstwerke und Antiquitäten in den USA teilweise höher als in der Union.
Einige Länder treffen die neuen Zölle besonders hart. Teilweise werden sehr kleine Handelspartner stark abgestraft, etwa Krisenländer wie Syrien und Myanmar. Die härtesten Strafzölle von je 50 Prozent treffen den afrikanischen Kleinstaat Lesotho und ein französisches Überseegebiet, die Inselgruppe Saint-Pierre und Miquelon. Es folgen Kambodscha mit 49 Prozent und Laos mit 48 Prozent vor Madagaskar mit 47 Prozent. Vietnam muss 46 Prozent verkraften, für Myanmar und Sri Lanka sind es 44 Prozent und Syrien 41 Prozent.
Für China, die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt nach den USA, belaufen sich die neuen Zölle auf 34 Prozent, zusätzlich zu bereits geltenden happigen Strafabgaben auf Produkte aus der Volksrepublik.
«Das ist keine Verhandlung, das ist ein nationaler Notstand», entgegnete ein Trump-Berater auf die Frage, ob die betroffenen Länder die Zölle noch verhindern oder mindern könnten. Er machte klar, dass andere Länder nicht einfach niedrigere Zölle auf US-Importe ankündigen könnten, um Zollerleichterungen seitens der USA zu erreichen. Als Grund nannte er die anderen Handelshemmnisse, welche die USA benachteiligen würden.
Das Weisse Haus teilt dazu mit: «Die Zölle bleiben in Kraft, bis Präsident Trump feststellt, dass die durch das Handelsdefizit und die zugrunde liegende ungleiche Behandlung verursachte Bedrohung beseitigt, gelöst oder gemindert wurde.»
Die USA haben bereits vor Trumps gewaltiger Zollankündigung diverse Strafabgaben auf bestimmte Produkte verhängt, die weiter greifen. So sollen ab heute Zölle in Höhe von 25 Prozent auf alle in die USA importierten Autos gelten, für Autoteile soll diese Strafmassnahme spätestens am 3. Mai greifen. Auch auf alle Stahl- und Aluminiumeinfuhren erheben die USA Zölle in Höhe von 25 Prozent. Für bestimmte Importe aus Kanada und Mexiko werden ebenfalls Strafabgaben fällig, es gibt aber Ausnahmen. An all diesen spezifischen Zöllen ändert sich nun wohl erst einmal nichts, die neuen Zollregelungen finden hier den Angaben nach keine Anwendung.
Ein hochrangiger Regierungsvertreter machte deutlich, dass Trump bald sogar noch weitere spezifische Strafmassnahmen für bestimmte Produktgruppen verhängen könnte, egal aus welchem Land. Explizit nannte er dabei: Halbleiter, kritische Mineralien und Arzneimittel. Letztere Gruppe dürfte die Schweizer Pharmabranche interessieren. Zunächst blieb die Pharmaindustrie von Handelszöllen ausgenommen, aber Trump bestätigte letzte Woche, dass er bald Zölle auch auf diesen Sektor erheben werde.
Schweizer Firmen, die keine eigene Produktion in den USA haben und damit besonders anfällig gegenüber Zöllen sind, haben bereits vor der jüngsten Ankündigung Bedenken geäussert. So befürchtet etwa Generikahersteller Sandoz negative Effekte: Er hat, anders als die beiden Basler Pharmagiganten Roche und Novartis, keine Produktionsstätte in den USA.
Sollten zusätzliche Kosten entstehen, plant Sandoz, wie andere Unternehmen, diese an die US-Konsumentinnen und -Konsumenten weiterzugeben. Die Produktion in die USA zu verschieben, wie sich das Trump wünscht, kommt für den Sandoz-Chef derweil nicht infrage.