Trumps Zollpolitik setzt auch den Börsen zu. Die weitere Entwicklung ist ungewiss. Einig sind sich Anlagespezialisten darin, dass die scharfen Importzölle nicht zuletzt das eigene Land treffen. Weitere Umschichtungen aus US- in europäische Aktien können sie sich deshalb vorstellen. Ein Meinungsquerschnitt.
Die reziproken Zölle von US-Präsident Trump treffen Freund und Feind gleichermassen. Die Aktienmärkte reagierten global mit herben Abschlägen, und die Renditen amerikanischer Staatsanleihen sanken über die gesamte Laufzeitenstruktur deutlich. Auf Importe aus der EU und der Schweiz werden Zölle von 20% resp. 31% erhoben.
«Im Falle der Schweiz tragen die Währungsinterventionen der Nationalbank unbestritten mit zu dieser hohen Belastung bei», urteilt die Vermögenverwaltungsgruppe Aquila. Trotz der kurzfristig sinkenden Zinsen erwartet Aquila aufgrund der inflationären Wirkung der Massnahmen mittelfristig einen deutlichen Anstieg, besonders am langen Ende der Kurve.
Die Zölle erhöhten die Güterpreise und wirkten auch dadurch bereits inflationär. Die Einnahmen werden von der Trump-Regierung für die Verlängerung der Steuersenkungen verwendet. «Der bereits arg strapazierte Konsument wird die Preiserhöhungen zu spüren bekommen und sein Kaufverhalten anpassen, sprich weniger und günstiger einzukaufen. Dies wird das Wachstum weiter bremsen», befindet Aquila.
Als Konsequenz sei das Szenario einer Stagflation die plausibelste Folge. Konsumentenstimmung und die BIP-Schätzung der Fed von Atlanta weisen bereits auf eine mögliche Flaute hin, und zahlreiche vorlaufende Inflationsindikatoren signalisieren einen erheblichen Schub. Der sinkende Konsum könnte sich über den Operating Leverage auf die Unternehmensgewinne auswirken und die Bewertung der Aktienindizes weiter belasten.
Charles-Henry Monchau, Chief Investment Officer der Bank Syz, stösst ins gleiche Horn: Die Zölle dürften in den USA die Inflation anheizen und das Wachstum bremsen. Nicht-US-Länder würden US-Produkte und -Unternehmen in Zukunft möglicherweise meiden.
«Trumps Vorschlag kommt in etwa einer Verdoppelung der Unternehmenssteuern gleich», folgert er. Mit der neuen Einnahmequelle müsse der Kongress eine grosse Steuersenkung durchsetzen, um die negativen Auswirkungen höherer Zölle im Land zu neutralisieren. «Es muss zu umfangreichen Steuersenkungen kommen.» Eine starke negative Marktreaktion dürfte das Parlament veranlassen, sich der Verabschiedung eines Steuergesetzes anzunähern.
Dass der Euro an Stärke gewonnen hat, führt Monchau darauf zurück, dass es Spielraum für Verhandlungen über die Zölle gebe, oder dass die Zölle so schlecht für die USA sind, dass der Euro einen sichereren Hafen darstelle.
Insgesamt bleibe Syz in europäischen Aktien investiert, davon ausgehend, dass sich der Trend weg von US-Aktien hin zu internationalen Aktien fortsetzen werde. Man sei sich jedoch der Tatsache bewusst, dass die Gewinnprognosen nicht mit den Kursentwicklungen Schritt gehalten haben. «Das bedeutet, dass europäische Aktien teurer werden, was das Aufwärtspotenzial begrenzt.»
Prof. Dr. Jan Viebig, Chief Investment Officer des deutschen Asset Managers Oddo BHF, meint: Die USA selbst würden die Leidtragenden von Trumps Handelspolitik sein. Die Zollerhöhungen werden die Preise für Importgüter in die USA verteuern. Insofern sich diese nicht durch US-Produkte ersetzen lassen, werden dadurch die US-Verbraucherpreise steigen und das verfügbare Einkommen der amerikanischen Bürger entsprechend sinken.
«Die Zölle wirken für die amerikanischen Haushalte wie eine zusätzliche Verbrauchssteuer. Die neue Zollpolitik werde den Wechselkurs des US-Dollar schwächen. Damit einher werden Wechselkursverluste für ausländische Anleger gehen, die in Aktien oder Anleihen in den USA investieren.» Durch einen schwächeren Dollar gefährde Trump die Finanzierung des US-Haushaltsdefizits durch ausländische Investoren, erläutert Viebig.
IWF hat bisher das Wirtschaftswachstum in den USA für dieses Jahr auf 2,7 Prozent veranschlagt. Diese Schätzung werde kaum noch zu halten sein. Der CIO con Oddo BHF Viebig äussert die Hoffnung, dass Trump mit diesen Zollerhöhungen Verhandlungen mit den wichtigsten Handelspartnern der USA erzwingen wolle und dass ein globaler Handelskrieg abgewendet werden könne.
Pharmaprodukte hat die US-Regierung aus dem Zollregime ausgenommen. Allerdings dürfte der Druck auf die
Pharmaindustrie bestehen bleiben, künftig den US-Markt direkt mit einer Produktion in den USA zu bedienen, wie zahlreiche Unternehmen dies bereits heute tun, folgern die Ökonomen der UBS. Dies könnte für die Schweiz tiefere Steuereinnahmen und Investitionen bedeuten.
Jedoch dürfte es einige Jahre in Anspruch nehmen, um neue Produktionskapazitäten in den USA aufzubauen. Gegen signifikante Produktionsverlagerungen spreche zudem, dass benötigte Vorleistungen womöglich ebenfalls mit Importzöllen belegt würden «und die Schweiz mit Standortvorteilen, qualifizierten Arbeitskräften und der Infrastruktur punkten kann.»
In ihrem Basisszenario geht die UBS davon aus, dass die Zölle von den aktuellen Niveaus nach Verhandlungen gesenkt werden, auch für Schweizer Produkte. Wie stark eine Reduktion ausfallen könnte und welche Konzessionen unser Land dafür den USA bieten müsse, sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzuschätzen.
Die Schweizer Wirtschaft dürfte in der kurzen Frist vor allem über eine Eintrübung der globalen Konjunktur betroffen sein. Eine weitere Zinssenkung der SNB hängt aus Sicht der UBS-Ökonomen davon ab, wie stark die EZB auf eine schwächere Konjunktur in der Eurozone reagiere sowie von der Entwicklung des Frankens.
Die umfassenden US-Strafzölle führten zu einer konjunkturellen Belastung rund um den Globus, urteilen die Strategen der Migros Bank. Der Welthandel gerate unter Druck, was letztlich keine Gewinner hervorbringe. Die Schweiz sei einerseits von der Höhe und andererseits als offene Volkswirtschaft in besonderem Masse betroffen, selbst wenn die Schonfrist für Schweizer Pharmaprodukte länger Bestand haben sollte.
Infolgedessen erwarte man, «dass die Schweizerische Nationalbank den Leitzins im weiteren Jahresverlauf auf null Prozent senkt», äussert sich Santosh Brivio, Senior Economist im Investment Office der Migros Bank.
Paul Diggle, Chefökonom von Aberdeen, hält die angekündigten Zölle noch nicht für in Stein gemeisselt. «Wir gehen nach wie vor davon aus, dass zusätzliche sektorspezifische Zölle verhängt werden, unter anderem auf Halbleiter, Kupfer, Holz und Pharmazeutika.» Und es bestehe immer noch Spielraum, dass sich die US-Zölle auf einem niedrigeren Niveau einpendeln würden, «dies ist wahrscheinlich immer noch eine weit verbreitete Erwartung.»
Der globale Basistarif von 10 % ist wahrscheinlich eine Untergrenze, aber die Strukturierung des gegenseitigen Zolls als zusätzlicher Tarif darüber lässt zumindest eine gewisse Chance offen, dass er dann gesenkt wird.
Bisher scheint die Regierung die Marktschwäche weitaus toleranter zu sehen als in Trumps erster Amtszeit. In der Tat könnten niedrige Anleiherenditen und ein schwächerer Dollar aktiv hilfreich sein, wenn die Marktbewegungen die Präferenzen der Regierung berücksichtigen. Die Nettoauswirkungen auf die US-Wirtschaft werden mit ziemlicher Sicherheit stagflationär sein, auch wenn das Ausmass des Preisanstiegs und der Auswirkungen auf das BIP schwer zu bestimmen sind.
Das Fed stehe vor einem schwierigen Kompromiss. Die politischen Entscheidungsträger haben in der Vergangenheit davon gesprochen, dass die Zölle nur einen vorübergehenden Einfluss auf die US-Inflation hätten. Aber angesichts des jüngsten starken Anstiegs der Inflationserwartungen könnte es für die Fed schwierig sein, diese Auswirkungen zu übersehen.